Dieser Artikel enthält nicht unbedingt einen Erkenntnissgewinn für den Leser – vielmehr soll er einfach eine Tatsache deutlich herausstellen, die gerne immer wieder in Vergessenheit gerät.
Wir leben in einem Zustand moderner Sklaverei.
Zugegeben, die obige Aussage ist etwas übertrieben. Sie trifft nicht wirklich auf alle Menschen zu (allerdings auf viele) und rein nominell gibt es heutzutage keinen Staat, der Sklaverei explizit gesetzlich erlaubt.
Treffender sind vielleicht auch die Begriffe “Leibeigenschaft” und “Zwangsarbeit”. Ich will aber gerne erklären, wie ich zu der obigen Aussage komme.
Rein theoretisch gesehen hat der durchschnittliche Mensch heute generell einen freien Status, er gilt als frei und unbestimmt und verfügt – rein theoretisch – über bestimmte Rechte, die ihm zustehen. Ein Sklave ist laut Definition ein rechtloses Objekt, das willkürlich behandelt, verkauft und wieder eingekauft und dessen einziges Gut – die Arbeitsleistung – systematisch ausgebeutet wird. Aber selbstverständlich trifft das auf den Großteil der heutigen Arbeitnehmer nicht zu – denn diese haben sich ja aus freien Stücken beworben, können jederzeit kündigen und ihre Rechte als Arbeitnehmer durchsetzen.
Oder?
Die Lage am Arbeitsmarkt sieht anders aus. Diejenigen, die das Glück haben, in einem unbefristeten Arbeitsverhältnis direkt bei dem Unternehmen, bei dem sie auch arbeiten, zu stehen, sind noch in der Mehrheit. Bereits bei ihnen treffen einige der obigen Bedingungen zu. Je größer das Unternehmen, bei dem der Arbeitnehmer beschäftigt ist, desto eher wird der einzelne Arbeitnehmer als “Produktionsfaktor” gesehen anstatt als Person. Und desto eher kauft man ihn ein – und veräußert (entläst) ihn wieder, wenn er nicht mehr gebraucht wird oder seine Arbeitskraft nachläßt.
Generell geht das Handeln in die Richtung, daß vom Arbeitnehmer immer mehr Arbeitsleistung abverlangt und immer weniger Leistung dafür zurückgegeben wird. Die Arbeitsleistung der Arbeitnehmer wird immer mehr ausgebeutet.
Und die Rechte? Um die ist es auf dem Papier gut bestellt – Arbeitnehmer haben heutzutage zumindest theoretisch soviele Rechte wie nie zuvor. Arbeitszeiten, Arbeitsbedingungen, Einstellungen, Kündigungen, Rahmenbedingungen – überall hat der Arbeitnehmer auf dem Papier Rechte, die er wahrnehmen kann. Und in der Praxis? In der Praxis bestehen zwar all diese Rechte, aber in Zeiten von hoher Arbeitslosigkeit und der ständigen Bedrohung der Existenz durch den Arbeitsplatzverlust nehmen immer weniger Arbeitnehmer ihre bestehenden Rechte auch wahr, aus Angst, den Arbeitsplatz zu verlieren. Auch dagegen gibt es natürlich theoretische Rechte – aber oft sitzt der Arbeitgeber doch am längeren Hebel. Und ein vor Gericht erstrittenes Arbeitsverhältnis ist ganz nebenbei auch meist nicht von langer Dauer oder von Erfüllung gesegnet.
Noch schlimmer dran sind diejenigen, die über ein Zeitarbeitsunternehmen eingesetzt werden. Oft zu deutlich schlechteren Konditionen beschäftigt als der festangestellte Kollege merkt man hier – trotz mittlerweile voranschreitender Bemühungen, dem ganzen durch vermehrte Rechte und Verbesserungen zumindest äußerlich einen seriöseren Anstrich zu geben – auch noch direkter die Kategorisierung des Menschen als Produktionsfaktor, den man mit möglichst viel Gewinn ausbeutet. Die Löhne sind bei schlechteren Arbeitsbedingungen (deutlich) niedriger als im Vergleich, die Rechte deutlich geringer – und das angeblich so tolle und flexible Modell Zeitarbeitsfirma findet recht schnell sein Ende, wenn es darum geht, daß ein dort unter Vertrag stehender Arbeitnehmer nicht oder nicht mehr eingesetzt werden kann – in solchen Fällen ist das Vertragsverhältnis meist noch schneller beendet als bei einem traditionellen Beschäftigungsverhältnis . Durch die an sich schon geänderte Struktur dieses Arbeitsverhältnisses und der praktischen Umsetzung hat ein Arbeitnehmer hier noch weniger Rechte bzw. kann seine theoretisch bestehenden Rechte noch schlechter wahrnehmen.
Ganz am unteren Ende der Arbeitsverhältnisse stehen diejenigen, die aufgrund einer sozialen Notlage (ob unverschuldet oder nicht mal außen vor) und dem Bezug von ALGII jede Arbeit annehmen müssen, die ihnen “angeboten” wird. Nun spricht ja prinzipiell nichts dagegen, daß jemand, der soziale Leistungen vom Staat erhält, im Gegenzug dafür auch gewisse Arbeitsleistungen erbringen kann. Allerdings gibt die praktische Umsetzung des Ganzen doch zu denken – so ist jeder ALGII-Bezieher dazu verpflichtet, JEDE ihm angebotene Arbeit zu übernehmen, ganz egal, ob er dafür geeignet ist oder nicht. Bei Zuwiderhandlung wird die Leistung gekürzt oder sogar ganz gestrichen. Laut den Definitionen von Zwangsarbeit erfüllt diese Beschäftigung genau diesen Tatbestand – es ist nichts anderes als staatlich sanktionierte und geförderte Zwangsarbeit.
Natürlich ist jeder Mensch frei, ein Beschäftigungsverhältnis jederzeit zu beenden. Zumindest theoretisch. In der Praxis stellt sich die Situation so dar, das die meisten Menschen derart abhängig vom Beziehen eines gewissen Gehaltes sind, um ihre Grundbedürfnisse zu decken. Als solche wiederum sind sie abhängig – den heutzutage sind nur noch die wenigsten Menschen in der Lage, sich eigenständig zu ernähren und ihre Grundbedürfnisse zu decken. Zu umfangreich sind die Abhängigkeiten – Miete, Versorgung mit Strom, Wasser und Wärme, Lebensmittel, Fortbewegungsmittel und Kommunikationsmittel sind nur die wichtigsten Abhängigkeiten, denen die Mehrheit der Menschen ausgesetzt sind. Und nur die wenigsten können diese Bedürfnisse zum größten Teil selbst erfüllen, die meisten sind abhängig von anderen – die für ihre Leistungen im Gegenzug natürlich Bezahlung fordern.
Und so steht der arbeitende Mensch in einem Abhängigkeitsverhältniss, in dem er zwar theoretisch rechtlich frei, praktisch und faktisch aber abhängig und fremdbestimmt ist. Ich gebe zu, daß der Begriff Sklaverei nicht ganz stimmt, jedoch ist der Begriff Leibeigenschaft praktisch gesehen durchaus die richtige Bezeichnung.
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